Fiktives Off-Record-Gespräch
Dieser Dialog ist frei erfunden und hätte vor dem Interview stattfinden können. Dabei schlüpfe ich in die Rolle des Zürchers, der ein Teil des wohl schokoladigsten Ensembles der Schweiz ist. Die tragischen Ereignisse lassen in dieser Geschichte keine Ironie zu. Sollte die Legende dennoch einen Witz darstellen, wäre dieser äusserst geschmacklos. Solange keine nachvollziehbaren Absichten erkennbar sind, müssen diese frei interpretiert werden. Fakt ist, dass die Zufallslegende die Bedeutung der hiesigen Schokoladengeschichte stark herabsetzt. Zudem fallen die Freischaltung der Webseite für die Schokoladenhauptstadt und das Interview zeitlich beinahe zusammen. Wie man weiss, glaubt man auf der einen Seite an Zufälle. Auf der anderen jedoch weniger.
Falsch: In diesem konkreten Fall kann keine Rede von «akribisch» oder «historisch» sein. Damit wird dem Fernsehpublikum bereits zu Beginn des Gesprächs ein Bär aufgebunden. Denn die Recherche beschränkte sich auf das Umformulieren subjektiver Firmenbiografien (125 Jahre Freude schenken bzw. 150 Jahre Freude schenken). Leider erfährt das Publikum nicht, dass es einen langjährigen Streit zwischen den Nachfahren von Rodolphe Lindt und den Verfassern dieser zwei Biografien gegeben hatte. Es handelt sich somit keineswegs um objektive Texte. Ebenso wenig erfährt man, dass zwei nachlässige Fehler in «Patriachen» enthalten sind. Gottlieb Biedermann behauptet darin nämlich, dass Rodolphe Lindt verurteilt wurde, und er ordnet den Tod seines jüngeren Bruders zeitlich falsch ein. Durch die falsche Chronologie wird die Familientragödie verharmlost. So kann die Legende auch ironisch interpretiert werden. Durch die angebliche Verurteilung wird dem Pionier zudem die Vorbildfunktion genommen. Angesichts der Tragödie und ihrer Auswirkungen auf den weiteren Verlauf der Auseinandersetzung kann die Legende als zynisch bezeichnet werden. Die Gerichtsurteile aus den Jahren 1909 und 1927 zeigen im Weiteren, dass Rodolphe Lindt nicht verurteilt wurde. Mehr noch: Der Richter entlastete ihn sogar post mortem! Obschon der Autor auch Historiker ist, sind Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit durch diese gravierenden Fehler mehr als berechtigt. Ist Gottlieb Biedermann tatsächlich der richtige Interviewpartner für einen Dokumentarfilm? Die Unsachlichkeit in seinem Buch spricht eindeutig dagegen. Im Folgenden ist das Gespräch schriftlich aufgezeichnet und jeweils kommentiert.
Wiederspruch: Bereits zu Beginn des Interviews wird auf ein Muster zurückgegriffen, dass Gottlieb Biedermann bereits in «Patriarchen» anwendet. Dort vergleicht er die Zürcher mit der anderen Familie. Dabei zählt er die positiven Eigenschaften der einen Seite auf, um diese der anderen abzusprechen. Ein solcher Negativvergleich wird auch im Gespräch angewendet. Eine rein rhetorische Frage des Reporters dient hierfür als Steilvorlage. Statt auf den Arbeitsfleiss einzugehen, fügt der Schriftsteller eine neue «Facette» hinzu. Dandytum steht klar im Widerspruch zum harten Fabrikalltag und folglich auch «zum breiten Bogen an Erfindern und Innovatoren». Auf diese Pioniere ist man stolz, weil sie sich den Erfolg erarbeitet haben. Auf einen verwöhnten und arbeitsscheuen Dandy wohl eher weniger. Für den Familienvergleich mit Zürich wird auf meine Gegendarstellung verwiesen: Negativvergleich als Entwertung.
Falsch: Gemäss einer aktuellen Studie des Frauenhofer Instituts müssen die einzelnen Conchierparameter wie Temperatur, Energieeintrag und Conchierdauer noch heute unter grossem experimentellem Aufwand ermittelt werden, wodurch Fehlchargen und hohe Kosten entstehen. Folglich war die Erfindung nur mit intensiven Studien möglich.
Widerspruch: An dieser Stelle des Interviews versucht der Schriftsteller, seine Aussagen glaubwürdiger erscheinen zu lassen. Er beruft sich dabei auf angebliche «Zeitzeugenaussagen», meint damit jedoch lediglich die Beurteilungen aus den Firmenbiografien. Da Rudolf Lindt 1970 bereits seit Langem verstorben war, konnten diese Zeitzeugen gar nicht existieren. Zudem wurden diese Texte von der anderen Streitpartei verfasst. Da der Streit sehr hart geführt wurde, sind solche subjektiven Aussagen kaum glaubwürdig. Somit scheitert Biedermann bei seinem Plausibilisierungsversuch an der fehlenden Objektivität. Die in der Einleitung erwähnten «akribischen historischen» Recherchen verleihen dieser offensichtlichen Unsachlichkeit nun eine vermeintliche Sachlichkeit. Auf diese Weise wird das Publikum des DOK-Beitrages an der Nase herumgeführt.
Falsch: Auch diese «Charaktereigenschaft» basiert auf der subjektiven Darstellung der Widersacher von Rodolphe Lindt. Damit wiederholt sich der Schriftsteller. Durch die Gründung der Schokoladenfabrik seines jüngeren Bruders und seines Cousins im Jahr 1906 fühlte sich die Zürcher Gegenseite hintergangen. Daraufhin folgte eine langjährige und kostspielige Auseinandersetzung, der ich auf den Grund gegangen bin. Auch in dieser Sache verweise ich auf meine Gegendarstellung. Biedermanns Wiederholung wirkt wie ein Plausibilisierungsversuch der vermeintlichen «Zeitzeugen». Wenn ein Fehler wiederholt wird, bleibt das Ergebnis falsch. Folglich führt auch die Wiederholung derselben subjektiven Aussage nicht zur Objektivierung eines Sachverhalts.
Falsch: Wenn sich die Wassermenge in einer Masse reduziert, trocknet sie aus. Wäre die Maschine über die Dauer eines Wochenendes ohne manuelle Bedienung gelaufen, so hätte man am Montag eine völlig ausgetrocknete Masse im Behälter vorgefunden. Durch dieses unrealistische Szenario wird der Vorgang des Conchierens stark vereinfacht. Diese Vereinfachung steht jedoch im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Studie des Fraunhofer Instituts, wonach es sich um einen komplexen Vorgang handelt. «Und das Perfide daran ist, dass diese Legende, diese so schlichte Legende, die sich in einem Satz weitergeben lässt, 30 Jahre lang aufrechtgehalten hat. Das ist wahrhaftig ein Wunder!»
Falsch: Zum Schluss gibt der Interviewer dem Schriftsteller noch einmal die Gelegenheit, die Einfachheit der Erfindung zu plausibilisieren. Damit wird das komplexe Verfahren auf ein einfaches Rühren über einen längeren Zeitraum reduziert. Auch diese Frage-Antwort-Technik bez. dieser Steilpass kann als Versuch gewertet werden, die Zufallslegende glaubhaft zu machen. Dem Publikum wird dabei vorenthalten, dass das Conchieren eigentlich aus mehreren Schritten besteht. Das «schlichte» Geheimnis der perfekten Schokolade bestand immerhin aus der richtigen Temperatur, der Dauer des Conchierens, dem Druck der Walzen beim Kneten und Rühren – und das Ganze auch noch abgestimmt auf die Kakaosorte, die Herkunft, den Röstgrad und das gewünschte Aroma. Durch einen blossen Zufallstreffer hätten diese verschiedenen Parameter unmöglich vollständig entwickelt werden können. Durch die Abwertung dieser Schweizer Errungenschaft wird leider auch vergessen, dass im Weiteren die Temperiermethoden definiert und die Befüllung der Schokoladenformen neu organisiert werden mussten. Entgegen der von Biedermeier angestrebten Vereinfachung handelte es sich um eine revolutionäre Erfindung, die das Handwerk grundlegend veränderte.
Es gibt nicht viele Städte, in denen ein globales Produkt so stark beeinflusst wurde wie hier an der Aare. Das sollte man neidlos anerkennen. Der Schriftsteller und Historiker geht von einer Automatisierung aus, die jedoch erst um 1900 eintrat. Tatsächlich führte Rodolphe Lindt eine Schokoladenmühle und noch keine Fabrik – sein Betrieb war somit noch stark handwerklich geprägt. Um ein einziges Produktionslos zu verarbeiten, liefen seine Conchen bis zu 80 Stunden ununterbrochen. Das erforderte Schichtarbeit und deutlich mehr Personal als bei der Konkurrenz. Über 20 Jahre lang wurde dieses Veredelungsverfahren ausschliesslich im Mattequartier angewendet. In dieser Zeit hatte man dort wesentlich höhere Kosten als anderswo. Ob die Bären diesen höheren Aufwand einfach nur auf sich nahmen, um den «jungen Bärendamen» zu imponieren, bleibt eine rein spekulative Interpretation. Genauso gut könnte der Respekt vor dem Lebensmittel die «hauptsächliche Triebfeder» gewesen sein. In einer solchen Behauptung schwingt je nach Blickwinkel eine deftige Portion Missgunst mit. Und zwar gegenüber dem Geburtsort der modernen Schokolade.